Teil 1 - Prolog

Familie Ike

Privatdetektiv Sebastian Stark hatte eine große Aufgabe. Eine Teenagerin namens Jordan Ike ist seit einer Woche nicht mehr in der Schule erschienen und das Sozialamt machte sich Sorgen um die Musterschülerin. Dazu fehlt von ihr jede Spur und ihre Eltern haben sie noch nicht als vermisst gemeldet. Als die zuständige Sozialarbeiterin in seiner Detektei ihr Anliegen vortrug, machte er sich Gedanken. Welche Mutter vermisst nicht ihr Kind? Sie müsste doch Panik schieben. Sein erstes Ziel war also die Eltern zu befragen und etwas über sie zu erfahren. Sie müssten Jordan doch am besten kennen. 

Sie leben wie er in Sunset Valley, aber in einem baufälligen Haus. Er parkte vor dem verfallenen Haus und klingelte. Gedanklich ging er nochmal alles durch, was er von der Familie Ike wusste. Die Eltern waren schon länger wegen Alkohol und Drogen unter Beobachtung des Sozialamtes. Vor allem auch wegen einigen familiären Problemen. Immer wieder bekamen sie ihre Tochter zurück, wenn sie Besserung versprachen. 

Er wurde aus seinen Gedanken geholt, als jemand zur Türe kam und diese knarrend öffnete. Es war die Mutter Isebella Ike. Ihre mittellangen, blonden Haare waren zersaust und hingen fettig über die schmalen Schultern. Sie war laut Daten erst Mitte 30, wirkte aber wie 60 Jahre. Ihre Haut war leicht grau und die Wangen eingefallen. Ihre eisblauen Augen waren rot unterlaufen und starrten ihn seltsam an. Durch die Kleidung zeichneten sich die Rippen ab und die Hose wirkte viel zu groß. Einfach gesagt, sie sah aus wie ein lebender Zombie. Das blaue Auge, die blauen Flecken überall und die aufgeplatzte Oberlippe bildeten das einzige Leben in ihr. Sie rauchte seelenruhig und sah verwirrt aus.

"Sind Sie Isabella Ike? Ich suche im Namen des Sozialamtes nach Ihrer Tochter Jordan und brauche ein paar Antworten von Ihnen", fragte er vorsichtig.
Sie schnippte die Zigarette in den Sand vor dem Haus und bat ihn ohne Worte ins Haus. Im Haus roch es nach Alkohol, Urin und Drogen. Beide gingen ins Wohnzimmer und er musterte rasch den Raum. An den Wänden waren Bilder aus besseren Zeiten. Er ging zu den älteren Fotos und schaute sich stumm die Frau auf dem Sofa an, die sich eine neue Zigarette anzündete und das Nikotin genoss. Sie war mal eine Naturschönheit. Und anscheinend vermögender gewesen. Das Hochzeitskleid war teuer und sie hatte auf ihr Aussehen noch geachtet. Die neueren Fotos weisten eine extreme Verarmung auf. Anscheinend kann sie sich nicht mal ein bisschen Luxus leisten. 

"Sie waren mal wunderschön. Was ist in der Vergangenheit passiert, dass Sie so aussehen?", fragte er neugierig.
"Sie wollen echt meine Geschichte hören?  Das wollte bisher niemand", antwortete sie heiser. 
"Natürlich. Ich muss wissen, warum Ihre Tochter die Flucht ergriffen hat", sagte er.
Ihr kullerten auf einmal Tränen übers Gesicht und ein Schluchzen folgte.
"Damals war alles so schön. Ich war ein bekanntes Model und erfolgreich. Mein Mann ein Bankkaufmann in einer gutsituierten Bank. Wir hatten ein großes Haus, ein teures Auto, viel Luxus und ein süßes Kleinkind. Aber dann verlor er seinen Job und bewarb sich überall. Ich arbeitete weiter und brachte das Geld mit. Eines Tages kam ich von einem Shooting zurück und fand Jordan heulend im Garten vor. Es war kalt und sie hatte sich in den Windeln gemacht. Mein Mann Peter war mit ein paar Kumpels im Haus und hatte den ganzen Alkohol geleert. Ich konfrontierte ihn mit unsere Absprache, dass er sich um Jordan kümmern soll. Aber er hörte mir nicht zu und war zu betrunken. Ich versorgte mein Kind und warf seine Kumpels aus dem Haus. Er flippte aus und schlug mich zum ersten Mal im Leben. Ich konnte ihm nicht mehr vertrauen. Ich hätte ihn sofort rauswerfen sollen, aber ich brachte es nicht übers Herz. Mit meiner Karriere ging es langsam bergab, weil ich wegen dem ganzen Stress mit Drogen anfing. Am Ende buchte mich keiner mehr und wir mussten in diese Bruchbude ziehen, weil die Villa zu teuer war. Ich begann meinen Körper gegen Geld zu verkaufen, um unsere Abhängigkeiten zu finanzieren. Er verkaufte auch Jordans Körper an seltsamen Männer seit sie eine Schülerin war. Ich war zu berauscht, um einzugreifen und wollte nur noch High sein. Er wurde immer brutaler und begann auch Jordan zu schlagen. Ich stellte mich vor ihr und ertrug immer wieder die Demütigungen körperlicher und seelischer Art. Einmal landete ich sogar im Krankenhaus und belog die Polizei, die mir helfen wollte. Jordan kam immer wieder zu Pflegeeltern, aber Peter schaffte es, sie zurückzuholen. Ich spürte, wie sie gebrochen war. So wie ich. Also gab ich ihr in Gegenwart von Peter unser letztes Geld, um Stoff und Alkohol zu besorgen. Ich konnte ihr heimlich einen Zettel zustecken, wo drin stand, dass sie sofort die Stadt verlassen und sich nicht melden soll. Sie tat es und Peter wurde unruhig. Ich habe seit ihrer Flucht keine Droge mehr angerührt oder einen Dealer aufgesucht. Ohne seinen Alkohol ist Peter immer so gereizt. Gestern hat er mich geschlagen und sicher mehr als nur die blauen Flecken angerichtet. Fürs Krankenhaus fehlt mir das Geld", erzählte sie weinend und er sah, wie sie am ganzen Körper zitterte. 

"Ich bringe Sie ins Krankenhaus und sage der Polizei bescheid. Die Abteilung Misshandlungsopfer tut immer gute Arbeit und bringt Betroffene in Sicherheit und sorgt für ihre komplette Genesung", sagte er.

Sie wollte vor Freude Weinen, brachte aber nur ein Zittern zustande. Gemeinsam packten sie ein paar Sachen ein und eilten zum Auto. Peter würde bald aus der Arbeit kommen und ihr Fehlen bemerken. Sebastian fuhr zuerst zur Polizei und stellte Isabelle Ike der zuständigen Abteilung vor. Zwei Polizistinnen nahmen sich ihr an und baten sie ins Verhörzimmer.
Isabelle rannte zu Sebastian und bedankte sich für seine Hilfe. 
"Ich wünsche Ihnen eine gute Besserung", sagte er und überließ den Ex-Kollegen den Rest. 
Isabelle würde in eine andere Stadt gebracht werden, wo sie einen Entzug und eine Therapie machen wird. Damit sie wieder so schön wie damals werden kann und neu im Leben starten kann. Er würde zuerst das Sozialamt von dem Ereignis berichten und mitteilen, dass Isabelle Ike im Frauenhaus ist und die Hilfe vom Staat angenommen hat. Ein Vogel hatte ihm gezwischert, dass Isabelle ihren Mann angezeigt hat und die Scheidung sofort einreichte, nachdem man sie im Krankenhaus einer anderen Stadt untersucht und behandelt hatte. Dazu will sie eine Therapie wegen ihrer Unterernährung und der Drogenabhängigkeit machen.


Jordan Ike

Ich bin ewig nach Windenburg gereist. Vor allem viel Schwarz. Nachts habe ich geweint, weil ich erkannt habe, dass mich meine Mutter in Wirklichkeit sehr liebt. Mein Handy habe ich entsorgt und ein neues Gerät mit neuer Nummer gekauft. Vater könnte versuchen, mich zu orten. Wenn die Supermärkte geschlossen hatten, klaute ich aus den Tonnen Essen und reiste weiter. 

Nun wohne ich ihn Windenburg und konnte ein günstiges Haus mieten. Ich behauptete gegenüber dem Vermieter, dass ich studiere und etwas Bafög erhalte. Diese Angabe reichte anscheinend aus, um sein Vertrauen zu gewinnen. Seitdem plagen mich Schuldgefühle im Schlaf. Ich besuche nun eine andere Schule und lerne viel, damit ich mehr Auswahl in der Zukunft  in der Jobwelt habe.




Ich habe auch schnell die Nachbarn Maaike Haas, Mila Munch, Ulrike Faust und Milas Sohn Lucas Munch kennengelernt. Auch sie glaubten mir meine Geschichte und waren so nett zu mir. Dieser Lucas Munch ist auch ein ganz Süßer. Der wird doch sicher eine Freundin haben mit seinem Aussehen.



Abends verkrümmelte ich mich in eine Bar in meinem Stadtteil und wurde prombt vom Barista gemustert.
"Alkohol für Minderjährige habe ich nicht", sagte dieser und wendete sich einem anderen Kunden zu.
Ich war so enttäuscht. Ich wollte doch Eindruck bei Lucas schinden und beweisen, dass ich kein kleines Mädchen mehr bin. Aber irgendwo war es auch gut so. Durch meinem Vater kenne ich die Nebenwirkungen des Alkohols und wollte nicht wie er werden.




Also probierte ich Darts und traf nicht mal die Scheibe. Stattdessen meinen Rock und die Wände links und rechts von der Scheibe.




Am nächsten Morgen trainierte ich mit Zumba meinen Körper.




Und bastelte wieder. Ich liebe einfach Handwerk und verdiene damit mein Geld. Für die Nachbarn repariere ich die Gegenstände oder mähe den Rasen in meinem Viertel für die Stadt Windenburg.




Nach meiner Arbeit morgens entspannte ich beim Yoga und stellte mir eine positive Zukunft vor. Vielleicht werde ich es eines Tages schaffen, dass sich Lucas in mich verliebt.  




 

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